Folgenden Beitrag habe ich auf welt.de entdeckt.
Eigentlich ist Jeff Jarvis ein gestandener Zeitungsmann: Als Fernsehkritiker fing er an, wurde später Kolumnist und schließlich Professor für Journalismus. Doch dann kam das Internet, und Jarvis konvertierte zum Digitaldenken. Mit 55 Jahren ist er einer der erfolgreichsten Blogger Amerikas, sein Bestseller “Was würde Google tun?” gilt als Leitfaden für die neue Medienwelt. In Berlin hielt Jarvis nun auf der Blogger-Konferenz “re:publica” einen Vortrag darüber, was nach dem Zeitungsartikel kommt. Mit ihm sprachen Claudia Schumacher und Björn Stephan.
Ich zitiere den Artikel zwar jetzt komplett, aber in Einzelteilen, denn ich möchte zu einigen Fragen/Antworten ebenfalls Stellung beziehen.
DIE Welt: Herr Jarvis, brauchen wir noch klassische Zeitungen und professionelle Journalisten?
Jeff Jarvis: Ich habe das Magazin “Entertainment Weekly” gestartet. Wenn ich es heute starten würde, wäre es kein Magazin mehr. Und ich würde auch keine Kritiker mehr anstellen.
Ich finde ja das klassische Zeitungen wie z.B. die Welt, die Bild oder die TAZ schon noch wichtig sind. Zumindest für einige auf dieser Welt. Ein Grossteil von uns Menschen verfügt zwar schon über einen Computer inkl. Internetzugang, jedoch im Normalfall nur zu Hause. Bis es mal soweit ist, das jeder von unterwegs auch auf das Internet zugreifen kann/wird, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen.
DIE Welt: Nicht alles, was Blogger schreiben, ist wirklich lesenswert.
Jarvis: Das Internet macht es möglich, Informationen kostenlos zu teilen. Die Frage an uns als Journalisten ist: Welchen Wert fügen wir dem hinzu? Wir glauben bisher, das Internet sei ein Medium. Aber es ist ein Ort, wo Leute sich austauschen, wo sie machen, was auch immer sie wollen. Die Welt ist voller dummer Leute, und das Netz ist immer so dumm wie seine Nutzer. Aber das ruiniert das Internet nicht. Die
Herausforderung ist, das gute und intelligente Zeugs zu finden. Manchmal helfen da Redakteure.
Das stimmt. Auch ich blogge ne Menge Zeug, was eigentlich kaum jemanden interessiert. Aber das habe ich auch nicht zu entscheiden. Ich entscheide nur, ob ich es öffentlich mache oder nicht. Und dann kann der Leser, also du, entscheiden, ob das was ich geschrieben habe interessant ist oder nicht. Aber das das Netz dumm ist, finde ich nicht. Wenn ich mal so zurück überlege, was ich nur dank dem Internet schon alles gelernt habe.
DIE Welt: Sie glauben aber, dass in Zukunft auch die Zeitungen von den Nutzern bespielt werden können.
Jarvis: Die Zukunft liegt nicht allein in Nutzerinhalten. Sonst würde ich nicht Journalismus unterrichten. Aber es gibt unglaubliche Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Lesern. Zeitungen stellen heute Artikel ins Netz, die Leser dürfen kommentieren. Das ist gemein, wir beleidigen damit die Öffentlichkeit: Wir haben die Story abgeschlossen, jetzt gestatten wir euch Kommentare. Natürlich werden die User wütend. Natürlich schreien sie herum. Deswegen sind die Kommentare oft so aggressiv.
Genau das finde ich gut, das die Leser die Möglichkeit haben, auf Artikel/Meldungen zu reagieren. Mein momentane Liebingsplattform möchte ich an dieser Stelle mal nennen. Und zwar ist das das Heise.de Forum (Hier jetzt mal zum Thema: Google steigert Nettogewinn um 38 Prozent) . Bei Heise.de hat man die Möglichkeit zu jeder News-Meldung seine eigene Meinung darzustellen. Ob es jetzt Fehler im Artikel gab oder aber irgendwas anderes einem gefällt oder nicht gefällt. Dazu kann man sich äußern wenn man möchte oder auch nicht. Und das was ich dann z.b. zu einem Artikel geschrieben habe können auch andere Leser kommentieren oder auch nicht. Zwar gibt es auch viele Trolle (Wortbedeutung Troll), die gibt es aber so gut wie in jedem Forum.
DIE Welt: Aufgeregte Kommentare fallen im Internet immer mehr auf als die sachlichen Beiträge.
Jarvis: Man sollte lieber gleich mit den Lesern zusammenarbeiten. Man könnte die Leute schon fragen, wenn man eine Idee entwickelt. Wenn dann jemand sagt, dieser Typ Jarvis wird zu oft in deutschen Medien zitiert, soll er Argumente formulieren, und dann ändert man es. Wir können heute Tausende von Leuten mobilisieren, die helfen, Informationen zu gewinnen. Das müssen wir sogar. Die Zukunft des Journalismus liegt in dieser Kollaboration.
Da kann ich Jeff Jarvis nur teilweise zustimmen. Es ist sicherlich nicht schlecht das zu machen, aber die Frage die sich mir gerade stellt ist die nach der Glaubwürdigkeit. Die meisten User sind im Netz anonym unterwegs, verstecken sich also hinter einem anonymen Benutzername.Ob sie dann auch tatsächlich die Wahrheit sagen?
DIE Welt: Welche Rolle spielen Blogger für den Journalismus?
Jarvis: Blogging ist nur ein Werkzeug, aber ein sehr machtvolles, das es jedem ermöglicht, etwas zu veröffentlichen. Es gibt zwei Studien über Blogger in Amerika. Vierzig Prozent findet, was sie tun, habe nichts mit Journalismus zu tun. In der anderen Studie war sogar von fünfzig Prozent die Rede. Aber denen, die Journalismus machen wollen, kommt eine kritische Rolle im Ökosystem der Nachrichten zu. Blogs können ein paar Segmente abdecken. Sie sind effizienter, spezialisierter, schneller.
DIE Welt: Sehen Sie Blogger als ernsthafte Konkurrenz für Zeitungsjournalisten?
Jarvis: Journalisten sollten selbst bloggen. Ich berate einen Zeitungsverlag in den Staaten, wo wir ein Experiment wagen wollen, in dem die News zuerst im Blog veröffentlicht werden und im Print erst ganz zum Schluss. Das verändert die Kultur eines Nachrichtenunternehmens, weil die Leser viel früher in den Prozess involviert werden.
Natürlich sind Blogger eine ernst zunehmende Konkurrenz für Journalisten. Das ist doch jetzt schon so. Gut, ein “Zeitungs-Blog” gibt es soweit ich weiss noch nicht, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit. Ich finde es sollte einen Blog geben, der die Meldungen der einzelnen Blogger zusammenfasst und aufbereitet. Denn schliesslich könnte jeder Augenzeuge seine Geschichte bloggen. Beispielsweise Unfallzeugen.
DIE Welt: Wahrscheinlich kennen Sie Ilse Aigner nicht. Die Frau ist deutsche Verbraucherministerin und hat einen Brief an Facebook geschrieben, wo sie fehlenden Datenschutz beklagt. Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg antwortete ihr, Privatsphäre sei keine soziale Norm mehr. Einverstanden?
Jarvis: Ich finde, die Diskussion kreist zu sehr um Privatheit und zu wenig um Öffentlichkeit. In der Öffentlichkeit zu leben, ist äußerst wertvoll. Ich habe Prostatakrebs. Ich rede darüber öffentlich und habe mich mit Leuten vernetzt, die ebenfalls Krebs haben. Wenn wir alles teilen, was wir über eine Krankheit wissen, erfahren wir mehr, als wenn wir alles verheimlichen. Auch in Unternehmen und in der Regierung sollte Transparenz zur Selbstverständlichkeit werden.
Also das was Facebook zur Zeit abzieht, finde ich nicht gut. Da werden einfach Einstellungen geändert ohne die User zu informieren. Als Beispiel sei hier das Profilbild genannt, welches unregistrierte Benutzer nicht sehen konnten. Mittlerweile findet man Profilbilder sogar schon über die Suchmaschinen. Wenn der Facebook-Benutzer das nicht möchte muss er seine Einstellungen durchgehen und das deaktivieren. Aber genau da liegt auch schon das Problem. Die meisten Benutzer finden genau diese Seite mit den Einstellungen nicht. Ich habe bestimmt schon 20 Leuten in meinem Umfeld erklärt wie man das einstellen kann.
In der Internet-Öffentlichkeit zu leben hat sich für mich bisher ausgezahlt. Ich habe schon über € 11.000,- damit verdient. Und ich mache z.B. hier im 5-Finger-Blog keinerlei Werbung.
Womit ich so viel Geld verdient habe? Das verrate ich noch – irgendwann. Seit gespannt.
DIE Welt: Aber zu viel Transparenz macht die Bürger angreifbar. Als Deutsche haben wir da unsere Erfahrungen.
Jarvis: Die Stasi und die Nazis sind schuld daran, dass die Deutschen ein gesteigertes Bedürfnis nach Privatsphäre haben und Angst vor Öffentlichkeit. Vermutlich reicht der deutsche Kult um die Privatsphäre sogar noch weiter zurück.
Die Privatspäre ist meiner Meinung nach schon lange ausgestorben.
DIE Welt: Sie meinen, es ist eine Frage der grunddeutschen Mentalität?
Jarvis: Ja. Ich habe in eine deutsche Familie eingeheiratet, und mein Schwiegeropa sagte immer: Das solltest du nicht so sagen, das gehört nicht in die Öffentlichkeit. Ihr Deutschen denkt, dass die Öffentlichkeit besitzt, was öffentlich ist. Aber es geht euch doch eigentlich nicht um Privatheit, sondern um Kontrolle: Man will das Recht haben, seine Informationen, seine Identität und seine Hervorbringungen zu kontrollieren.
Dieses Recht steht auch jedem zu, nur wissen die wenigsten damit umzugehen. Und genau da liegt auch das Problem. Wenn man sich z.B. bei Facebook registriert sollte man direkt bei der Registrierung durch die Einstellungen geführt werden. Nur so kann sicher gestellt werden, das jeder User die Einstellungen setzt, die er für richtig hält. Vordefinierte Einstellungen sind scheisse. Das ist bei Windows nicht anders. Es sind nach einer Windows-Installation Dienste und Programme aktiviert/installiert, die die meisten gar nicht brauchen. Warum ist das so? Weil uns das so vorgesetzt wird…
DIE Welt: Manche werden im Internet Opfer von Mobbing und Diskriminierung.
Jarvis: Der Technik-Blogger Michael Arrington hat neulich gesagt, wir sollten es endlich aufgeben, unseren guten Ruf zu verteidigen. Du hast peinliche Bilder von dir, ich hab meine – belassen wir es einfach dabei. Das kann uns zu einer toleranteren Gesellschaft machen.
Das passiert eben nicht nur im Internet sondern auch in der realen Welt. Wo ist das Problem?
DIE Welt: Facebook zum Beispiel gibt Daten an Dritte weiter, der Nutzer muss ausdrücklich widersprechen.
Jarvis: Eben: Man kann widersprechen. Die Frage ist: Darf jemand mit den Daten, die ich liefere, Geld verdienen? Man braucht sich nur die Rolle von Google anzuschauen. Als das Internet aufkam, schaute sich Yahoo das Netz wie ein Bibliothekar an. Das war nicht angemessen, und es hat nicht funktioniert. Dann kam Google und fragte sich: Wie zum Teufel können wir Ordnung in das Chaos bringen? Der Weg war, den Leuten zu vertrauen. Ihren Links zu folgen, denn die führen schon zum guten Zeugs. Google hat unser Wissen eingesaugt, es mit einem Mehrwert versehen und uns wieder zurückgegeben. Und nebenbei Milliarden Dollar verdient. Was ist daran falsch?
Siehe etwas weiter oben. Facebook und auch anderen Dienste-Anbietern im Internet gehört es per Gesetz vorgeschrieben, das sie die User durch die möglichen Einstellungen des Dienstes führen müssen. Auch wenn neue Funktionen hinzu kommen, sollte der User mit der Nase drauf gestossen werden. Nur so kann man sicherstellen, das jeder auch versteht/weiss, was in seinem Account/Profil eingestellt ist. Und deswegen brauch das Internet auch eine Welt umgreifende Politik. Also das Internet brauch sein eignes Gesetzbuch, an das sich alle Länder dieser Welt halten müssen. Aber das ist ja leider nicht so einfach umzusetzen.
DIE Welt: Und Sie glauben immer noch nicht, dass Google seine Macht missbraucht?
Jarvis: Google ist nicht automatisch böse, nur weil es besser ist als die anderen. Will ich der EU das Internet lieber anvertrauen als Google? Nein danke.
Klar missbraucht Google seine Macht.
DIE Welt: Sie haben ihr iPad medienwirksam wieder eingepackt und an Apple zurückgeschickt. Warum?
Jarvis: Ich liebe Apple. Die Produkte sind wundervoll, glatt und glänzend, kunstvoll und schön. Ich sehe nur keinen Nutzen für das iPad. Es kann zu wenig, kein Multitasking, kein USB, keine Kamera. Was mich wirklich betroffen macht, ist sein regressiver Charakter. Das Internet hat uns alle in Medienschaffende verwandelt, das iPad will uns wieder zu bloßen Konsumenten machen. Das stört mich gewaltig.
Wenn interessiert schon der iPad? Was bringt uns den ein Gerät, das nichts kann…